Lebenslauf aufgemöbelt: Bildungsstand Handwerksgesell*in. Tischler-Innung Stade spricht 15 neue Profis frei.

29.08.2023. Technologiezentrum Handwerk Stade (TZH). Die Tische sind gedeckt, die Getränke stehen bereit. Zum gemeinsamen Begießen des Erfolgs lud die Tischler-Innung Stade ihre Absolvent*innen ins TZH Stade ein. „Ein Jahrgang voller Kreativer, Individualisten und Meinungshabender,“ beschreibt Berufsschullehrer Klaus Heinemann seinen persönlich letzten Jahrgang. Eine spannende Zeit bescheinigt auch Lehrlingswart Rudolf Mundt den Gästen: „Wir sind mit deutlich mehr Azubis ins erste und zweite Lehrjahr gestartet – ihr seid nun die Rohdiamanten, die sich nun selbst weiter schleifen und polieren müssen,“ damit macht Mundt auch klar, dass unser Berufssystem nur funktioniert „wenn Betreib ausbilden. Liebe Kollegen, bitte fasst euch ans Herz und bildet (noch mehr) aus.“ Auch Obermeister Jörg Klintworth weiß um das Dilemma und macht ebenfalls Mut: „Es werden vermutlich nicht alle Azubis ihr Leben lang bei uns im Handwerk bleiben, doch lasst uns zusammen den Teich für die Fische größer machen, dann werden vielleicht auch die Fische mehr.“


Innungsbeste - at it’s best

Drei Tischler absolvieren ihre Ausbildung mit besonders guten Leistungen. Als Innungsbeste darf die Innung im Gesellenstand begrüßen. 

  • Platz 1: Tom Gerken (Theorie 2 / Praxis 1), Ausbildungsbetrieb M. Hölting GmbH – Zimmerei – Tischlerei, Burweg)
  • Platz 2: John Willers (Theorie 2 / Praxis 2, Ausbildungsbetrieb Heinz Kammann Tischlerei und Innenausbau GmbH Fredenbeck-Wedel) und
  • Platz 3: Timo Schulz (Theorie 2 / Praxis 2-, Ausbildungsbetrieb Tischlerei Schmorl, Hollern-Twielenfleth)

Handwerk statt Studium oder Büro.

Tom Gerken, 22, Schwinge, Tischlerei und Zimmerei M.Hölting Burweg, erweiterter Realschulabschluss, Truhe

 

Wenn der Kumpel den Reiseleiter für den beruflichen Weg liefert: „Nach der Schule wusste ich nicht, wohin die Reise gehen soll, Studieren wollte ich nicht, ins Büro wollte ich nicht.“ Guck dir doch mal Tischler an, das schockt, sagt sein Freund zu ihm. Mit einem Praktikum wurde es dann aber nichts, denn Tom startete direkt in der Berufsschule durch und unterschrieb seinen Ausbildungsvertrag bei M. Hölting in Burweg. „Anstrengend, befriedigend und dreckig,“ schmunzelt der 22-jährige, als er seinen Beruf beschreiben soll. „Ich bin komplett zufrieden und arbeite jetzt als Geselle in meinem Betrieb weiter.“ 

Vom Barkeeper zum Tischlergesellen.

John Willers, 23, Tischlerei Kammann Fredenbeck-Wedel, Düdenbüttel, Abitur, Musikbox – mobile DJ-Table

 

Nach seinem Abitur mixte John drei Jahre lang Cocktails und co, dann ging es als Bufti weiter. Über seinen Bundesfreiwilligendienst in einer Werkstatt für behinderte Menschen, ist John zum Tischlern gekommen „Mein Werkstattleiter kommt aus dem Tischlerhandwerk und hat mir darüber viel erzählt.“ Augenscheinlich nur Gutes, denn daraufhin startet John seine Ausbildung bei Tischlerei Kammann in Fredenbeck-Wedel. Nach drei Jahren im Beruf sagt John „Tischler sein ist kreativ, staubig und bunt.“ Die Handwerkerleidenschaft kommt bei John nicht von ungefähr, sein Vater ist gelernter KFZ’ler, der Stiefpapa hat einen eigenen Reetdachdeckerbetrieb, der Opa hatte auch Handwerk im Blut. „Jetzt will ich erstmal was kennen lernen, andere Betriebe, andere Menschen andere Blickwinkel,“ sagt John über seine nächsten Schritte, aber: „Es wird Handwerk, es wird der Tischler und auch das Arbeiten mit Holz bleiben. Es wird aber vermutlich etwas kreativer und künstlerischer.“ Könnte er sich einen Arbeitsalltag zaubern, kann er sich gar nicht entscheiden: „Es gibt so viele Dinge, die am Tischlerberuf Spaß machen, von der Oberflächenbehandlung, Vollholz oder Platte bis zu kreativen Kundenaufträgen, alles hat seine ganz besonderen Vorzüge. Es wird auf jeden Fall nicht langweilig.“

Zum Gesellenbrief gekämpft – mit Top-Noten belohnt.

Timo Schulz, 30, Stade, Tischlerei Schmorl Hollern Twielenfleth, Offline-Facebook

 

Timo hat sich seinen Gesellenbrief ganz besonders hart erkämpfen müssen. „Vor meiner Ausbildung habe ich lange nichts gemacht, mit der Aussicht auf einen Ausbildungsplatz als Tischler habe ich meinen Hauptschulabschluss nachgeholt und konnte dann in den Beruf starten,“ beschreibt Timo seinen langen Weg. Ausbilder und Chef Ricardo Schmorl hat ihm eine Chance gegeben: „Timo war oft bei mir und wollte seiner Leidenschaft zu Möbel, Holz und Handwerkern nachgehen,“ Schmorl versprach ihm einen Ausbildungsplatz, sobald er es schaffe, das erste Berufsschuljahr an der BBS in Stade zu absolvieren. „Dass er nun nicht nur mit top Noten bestanden und reihenweise in Wettbewerben erste Plätze abgesahnt hat, zeigt was für Leidenschaft in Timo steckt,“ so Schmorl. „Seit 2002 baue ich Dinge aus Holz, der Start in meine Ausbildung war ein großer Moment für mich, und der Gesellenbrief jetzt noch ein viel größerer.“ Er schätzt besonders: „Man erschafft mit den Händen eigene Dinge, Gegenstände, die man benutzt oder einfach schön aussehen.“ Besonders erfreut er sich daran, wenn er sieht, wie andere Menschen dieses Selbsterschaffene benutzen und einen Nutzen für sie haben.  „Das macht mich sehr glücklich.“ Sein dreidimensionales Denktalent kommt ihm in Verbindung mit dem Werkstoff Holz sehr zugute. „Seit 2019 denke ich auf meinem Gesellenstück herum. Facebook analog darstellen – mit originellen Gimmicks, wie ein „Gefällt mir Stempel“, Fotopinnwand mit Bildbeschreibung oder Steckbrief und universell erweiterbar durch Kleiderhaken, Schlüsselbord und vieles mehr.“ Timo schaut jetzt optimistisch in seine Zukunft – „Restauration oder Modellbau wären eine Idee.“ Für Timo ist sein Beruf: „Dinge erschaffen, Kreativität, Selbstständigkeit, Unabhängigkeit.“ 

Wettbewerb „Die Gute Form“ 2023 – Zwei Möbelstücke fahren nach Hannover

Jury 2023: • Sascha Bardenhagen, Bankkaufmann, Volksbank Stade-Cuxhaven eG  • Ralf Israel, Geschäftsführer EVG Bau- und Glastechnik, Bremerhaven  • Melanie Reinecke, MDL CDU Niedersachsen, Hannover/Stade  • Anton Köpke, Softwareentwicklung, Stade
Jury 2023: • Sascha Bardenhagen, Bankkaufmann, Volksbank Stade-Cuxhaven eG • Ralf Israel, Geschäftsführer EVG Bau- und Glastechnik, Bremerhaven • Melanie Reinecke, MDL CDU Niedersachsen, Hannover/Stade • Anton Köpke, Softwareentwicklung, Stade

Die Gesellenprüfung ist nicht nur die Abschlussprüfung der Tischlerausbildung, zugleich wird der landesweite Wettbewerb „Die Gute Form“ ausgetragen. Durch eine fachfremde Jury werden die Gesellenstücke nach Form, Funktionalität, Design und Kreativität bewertet. „Aus der Sicht des Endkunden, denn wir als Experten bewerten nach anderen Maßstäben,“ erklärt Mundt den Ablauf. Nach kurzer Zeit entschieden nur wenige Punkte den Sieg des Wettbewerbs. Nun wird sich zeigen, ob die Möbelstücke auf der infa-Messe in Hannover Mitte Oktober auch die Landesjury überzeugen können.

Platz 3: Schwingender Schreibtisch für ausgeglichenes Arbeiten

„Die Idee ist fantastisch, wie ruhig es sich dann in der Praxis arbeiten lässt, muss sich wohl zeigen,“ so der Konsens der Jury. Die Konstruktion hat dennoch so begeistert, dass das Stück von Luca-Philip Braun aus der Tischlerei Schmorl (Hollern-Twielenfleth) den dritten Platz belegen konnte. „Und wer weiß, vielleicht hat diese schwingende Art des Arbeitens nicht nur eine beschwingende, sondern auch eine gelenkschonende Eigenschaft,“ fantasierten die Anwesenden. 


Platz 2: Sideboard überzeugt mit nordeuropäischem Flair.

Morten von Rönn (Tischlerei Schütt Grünendeich) präsentierte mit seiner Kommode ein Möbelstück, das derzeit absolut im Trend liegt, aber „auch etwas Zeitloses mit sich bringt, ein Stück, an dem man sich wohl nicht satt sehen wird,“ beschreibt Reinecke. Morten von Rönn sicherte sich damit den zweiten Platz im Wettbewerb und somit sein Ticket zur infa Hannover als Teilnehmer am Landeswettbewerb. 

Morten von Rönn mit Ausbildungsbetriebsinhaber Uwe Schütt, Tischlerei Schütt, Grünendeich. Im Hintergrund eingerahmt durch Vorstandsmitglied Jan Kammann, Berufsschullehrer Klaus Heinemann, Altgeselle Jörg Elfers und Obermeister Jörg Klintworth (v.l.)

 

Den zweiten Platz konnte sich Morten von Rönn (Ausbildungsbetrieb Tischlerei Schütt, Grünendeich) sichern. Mit seiner Kommode im nordischen Stil überzeigte er alle Jurymitglieder, die sich „dieses Möbelstück soft mit nach Hause nehmen würden,“ sagt Jurymitglied und Landtagsabgeordnete Melanie Reinecke (CDU).

Vom Athenaeum zum Tischler über den Meister vielleicht zum eigenen Unternehmen.

Morten von Rönn, 19, Stade, Tischlerei Uwe Schütt Grünendeich, Realschulabschluss, Kommode nordic-stil

Der ehemalige Praktikant, der zum zukünftigen Azubi wurde. Morten startete also recht klassisch in seine Ausbildung, nachdem er „einfach keine Lust mehr hatte auf Schule.“ Vom Athenaeum ging es für ihn nach der 10. Klasse erst in die Recherche und dann ins Berufsleben. Dabei hatte er auch die volle Unterstützung seiner Eltern: „Wenn es das ist, was dich glücklich macht, dann mach das,“ war die Antwort der Mutter auf Mortens Plan, die Schule ad Acta zu legen. Und besser hätte es ihn nicht treffen können. „Der Beruf ist kreativ, man hat viel Handlungsfreiheit, kann seine eigenen Ideen einbringen und wenn man Holz mag, kann man keinen besseren Job machen,“ so Mortens Resümee. Für Morten geht es jetzt Richtung Trockenbau und Meisterschule: „Ich möchte erst noch andere Betriebsabläufe kennen lernen, mich weiterbilden,“ und wenn Morten noch etwas mehr träumen dürfte, sieht er sich in einer Handvoll Jahren auch mal in seinem eigenen Betrieb tischlern. 


Platz 1: Offline Facebook Timeline (Pinnwand) glänzt mit besonderem Ideenreichtum

Timo Schulz ist in den Reihen der Tischlerazubis kein unbeschriebenes Blatt. Mit seinen Werken konnte er so einige Wettbewerbe in den letzten 3 Ausbildungsjahren für sich entscheiden. „Timo ist ein sehr engagierter und kreativer Kopf,“ beschreibt ihn der Prüfungsausschuss und „wir müssen ihn hier und da immer mal ein bisschen bremsen, damit er mit seinen Stücken „fertig“ wird,“ schmunzelt Mundt. Für Timo gibt es an seinen Möbeln immer etwas zu verbessern oder zu erweitern und deshalb zeigt er auch hier zusätzlich zu seinem eigentlichen Gesellenstück ein Sammelsurium an erweiterbaren Tools zu seiner „offline Facebook Pinnwand“, die „auch benutzt werden darf“, denn das ist Timo immer besonders wichtig: „Dinge bauen, die einen Sinn und Zweck haben, die benutzt und gebraucht werden.“ Das gefällt auch der Jury so gut, dass er mit seinem Stück auf dem ersten Platz landete. 

Timo Schulz mit Ausbildungsbetriebsinhaber Ricardo Schmorl, Tischlerei Schmorl, Hollern-Twielenfleth. Im Hintergrund eingerahmt durch Vorstandsmitglied Jan Kammann, Berufsschullehrer Klaus Heinemann, Altgeselle Jörg Elfers und Obermeister Jörg Klintworth
Timo Schulz mit Ausbildungsbetriebsinhaber Ricardo Schmorl, Tischlerei Schmorl, Hollern-Twielenfleth. Im Hintergrund eingerahmt durch Vorstandsmitglied Jan Kammann, Berufsschullehrer Klaus Heinemann, Altgeselle Jörg Elfers und Obermeister Jörg Klintworth

Den ersten Platz konnte sich Timo Schulz sichern, sein kreatives Talent hat Ausbildungsbetrieb Tischlerei Schmorl, Hollern-Twielenfleth schon lange erkannt: „Timo hat seinen eigenen Kopf, er hat lange gekämpft, um diese Ausbildung überhaupt starten zu können,“ beschreibt Chef Ricardo Schmorl Timo’s Weg. Mit viel Ehrgeiz holt Timo seinen Schulabschluss nach, um die Ausbildung starten zu können. Zuvor absolvierte er diverse Praktika im Betrieb Schmorl. „Für Timo hat der Gesellenbrief noch eine ganz andere Wertstellung als für manch anderen,“ so Berufsschullehrer Heinemann. „Ich möchte etwas bauen, dass auch benutzt werden kann, das einen Sinn hat.“ Diesen Sinn sahen auch die Jurymitglieder in Timos „Offline Facebook Pinnwand“ Zu diesem Stück gehören eine Vielzahl an Modulen, die noch hinzugefügt werden können: „Das ist gelebte Kunst, individuell und bis ins Detail durchdacht,“ so Jurymitglied Ralf Israel, Geschäftsführer EVG Bau- und Glastechnik, Bremerhaven.

Eine fachfremde Jury aus unterschiedlichen Berufsbackgrounds grübelte einzeln und gemeinsam über Form, Funktionalität, Gestaltung und Ästhetik der sechs vorausgewählten Gesellenstücke. „Wir simulieren damit den Blick des möglichen Endkunden, der bei diesem Wettbewerb wichtiger ist, als die fachliche Bewertung von uns Experten“, so Lehrlingswart Rudolf Mundt, der der Jury alle Stücke kurz vorstellte, denn „Einige Funktionen sind auf den ersten Blick gar nicht sofort ersichtlich – beeindruckend mit wieviel Komplexität und Logik die jungen Tischler an ihre Möbel rangehen,“ so Jurymitglied Anton Köpke. Niedersachsens CDU-Landtagsabgeordnete Melanie Reinecke liebäugelte direkt mit einigen der schönen Stücke: „Die würde ich mir so, wie sie hier stehen, sofort zuhause hinstellen,“ resümierte sie.

 

Jeder der teilnehmenden Bewerter gab einzeln seine Punkte ab. Die Stücke lagen alle dicht beieinander und dennoch zeigte sich am Ende ein Sieger.

Jurymitglied Anton Köpke erzählte vom Wettbewerb
Jurymitglied Anton Köpke erzählte vom Wettbewerb

Verantwortung für das, was man tut – und für das, was man nicht tut.

Obermeister Jörg Klintworth feiert das Handwerk, aber auch die Eigenverantwortung.

Der erste Schritt zu Veränderung und Wachstum ist die Einsicht, dass man für sein Leben verantwortlich ist, so die Kernaussage der Ansprache von Jörg Klintworth. „Das ist für manche vielleicht hart, aber als erwachsener Mensch sind Sie allein für Ihre Taten und die Ergebnisse, die Sie erhalten, verantwortlich.“ Der Weg zum Ziel beginne an dem Tag, an dem die jungen Handwerker die vollständige Verantwortung für ihr Tun übernehmen. Und das sei einerseits eine Bürde, andererseits birgt es ein großes Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit. „Sie halten damit also die Macht in den eigenen Händen,“ so Klintworth. Und damit besäßen auch alle die Macht, Entscheidungen zu treffen: „Schauen Sie dabei auch mal nach rechts und links und nehmen Sie die Menschen in Ihrem Umfeld mit, denn zusammen ist man weniger allein.“


Wenn zu viel Auswahl lähmt – eine Generation steckt im Dilemma

Festansprache vom stv. Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade 

„Wie muss es für Sie sein, an einem Buffet zu stehen, das keine Wünsche übriglässt?“ fragt Steffen in die Runde. Einerseits sei das im ersten Augenblick eine vermeintlich euphorische Situation, man möchte sich darauf stürzen und das Angebot wird niemals enden, „das vermittelt bestimmt viel Sicherheit und ein Gefühl von unersättlichen Chancen,“ doch, so Steffen weiter, „ist man nicht irgendwann satt? Voll mit all dem und müde?“ Er stelle sich vor, dass diese Auswahl an beruflichen Chancen auch ein Dilemma in sich trage. Ein Dilemma, das einen unter Umständen lähme, statt anzutreiben: „So hat man das Gefühl, wenn ich mich jetzt entscheide, wartet hinter der nächsten Ecke doch bestimmt ein anderes, vielleicht besseres Angebot auf mich, oder?“

 

Entscheidungen zu treffen und damit glücklich zu sein, sei für heutige und kommende Generationen nicht einfach. Jetzt könnte man sagen, es sei kein Dilemma, sondern ein Luxusproblem, und „ja diese Sicht steckt in vielen Boomer-Köpfen fest. Für alle anderen Generationen habe es solche „Entscheidungsprobleme“ nicht gegeben.“ Doch heute leben wir in einer anderen Welt. Steffen bittet um gegenseitiges Verständnis und miteinander, statt gegeneinander zu arbeiten. 

 

„Haben Sie Verständnis auf beiden Seiten und finden sie einen Konsens. Auch wenn das bedeute, an sich und seiner Sicht auf die Welt zu arbeiten – auf beiden Seiten!“ Denn diese – unsere – Welt brauche jeden einzelnen Mann und jede einzelne Frau im Handwerk.


Schüler kommen zu Wort – alle Wege führen nach Rom oder nach Mittelnkirchen.

Helena’s Weg zur Tischlerin war alles andere als gradlinig: „In meiner Heimat Hamburg war nichts für mich zu kriegen,“ beschreibt sie den wackeligen Start, „der Kontrast hier auf dem Dorf hat mich fast ein bisschen erschlagen,“ so die junge Gesellin. Sie fand einen Betrieb, in dem sie nach einigen Monaten nicht die Aussicht auf „ein echtes Ankommen“ hatte. „In mir lebten Frust und Enttäuschung, aber auch die Liebe zu diesem Handwerk gleichermaßen.“ Es musste also eine Lösung her. Gemeinsam mit Lehrlingswart Rudolf Mundt und Vorstandskollege Uwe Schütt würde Helena fündig und wechselte in ihre neue „Heimat“ zu Heitmann & Junge nach Mittelnkrichen. „Das war wie ein Befreiungsschlag – ich bin unendlich dankbar, dass mich so viele Menschen unterstützt haben und ich nicht alles hinschmeißen musste.“

Bedanken will sich auch John Willers bei allen Mitstreitern, die ihn und seine Azubikolleg*innen in den drei Jahren unterstützt haben, was wohl nicht immer ganz einfach war: „Das hat auch mal geknallt – bei so unterschiedlichen Köpfen – aber irgendwie sind wir immer auf einen gemeinsamen Nenner gekommen,“ resümiert er verschmitzt. 


Traditionelle Freisprechung- der Tropfen und das Meer

„Tischler werden ist nicht schwer, Tischler sein umso mehr,“ weiß Altgeselle und Prüfungsausschussmitglied Jörg Elfers, der vor 37 Jahren seine eigene Freisprechung feierte und sagt: „Ihr dürft Fehler machen, das ist ok, lasst euch davon nicht entmutigen.“ Außerdem malt er bildlich. „Was ihr bis jetzt wisst, das ist nur ein Tropfen, dass was ihr noch lernt und auf euch wartet, ist ein ganzes Meer voll.“ Mit diesen Worten starten die Offiziellen in den feierlichen Teil der Veranstaltung und bitten alle zu Sekt und Selters. 


Am Rande gesprochen: Ausbildung: Ein Zubrot für die Betriebe

„Die Tischler sind in einer sehr sehr prädestinierten Lage hier im Landkreis,“ beschreibt Mundt die Ausbildungssituation. „Wir haben mehr Bewerber als Ausbildungsplätze.“ Das sorge nach dem ersten Berufsfachschuljahr dafür, dass nicht alle Holztechnik-Schüler*innen ab dem zweiten Lehrjahr auch einen Ausbildungsplatz finden. „Diese Situation müssen wir zwingend weiter verbessern,“ so Klintworth. Ausbildung sei aber für jeden Betrieb ein Invest an Zeit, Geduld und Geld. „Der Azubi ist für das Unternehmen erst als Junggesell*in wirklich lohnenswert, daher ist und bleibt die Ausbildung auch immer ein Stückweit eine Investition, die sich erst später auszahlt – vorausgesetzt der Mensch bleibt im Unternehmen, oder zumindest im Handwerk,“ sagt Mundt, dann sei er oder sie ein Bestandteil des sozialen Systems, in dem die Betriebe stecken und die Belegschaft mindestens innerhalb unserer Branche weiter zur Verfügung stehe.